Das Honigsemmerl am Achensee: to be or not to be?

Das Tiroler Bergpanorama rund um Pertisau, das sich uns normalerweise in der Früh bieten sollte, war weg. Einfach weg. Okay, vermutlich war es noch da, aber es hatte sich gut hinter grauen Zuckerwattewolken versteckt, die verdächtig nass wirkten. Hie und da konnte man Wald in der Ferne erahnen, der auf einen Berg gepickt worden sein dürfte. Aber das waren eher Mutmaßungen, in Kombination mit dem Wissen um die Geographie rund um den Achensee, dank des vorangegangenen Aufenthalt in Pertisau. Nein, nein, heute hätte man auch einfach die Berge stehlen können, so tief wabberten die Wolkenwände. Kalte Wolkenwände; um nicht zu sagen, Wolkenberge, höhöhö…

Den ersten Eindruck der Wetterverhältisse am Sonntag hab ich mir am Balkon unseres Hotels geholt. 5 Grad Außentemperatur. Es schüttet. Jeder Regentropfen wird von einer riesigen Patchworkfamilie weiterer nasser Kumpanen begleitet, die die gefühlte Temperatur zusammen mit dem Wind auf circa KALT sinken lassen. Bitterkalt, schweinekalt, a*schkalt, bibbera*schkalt sind nur einige der Adjektive, die ich für mein Empfinden an dem Morgen verwendet hab. Okay, ich war noch barfuß unterwegs, und in Nachtgewand, aber das reichte mir, um meine Gedanken rund um den Start des Lauf wieder in die Richtung zu verschieben „das Hotel verfügt über einen 33 Grad warmen Pool überm See und einen Indoor-Whirlpool und ein warmes, flauschiges Bett“. Diesen Gedanken konnte ich aber so und so nur einen Bruchteil einer Sekunde nachhängen, da ich ohnedies hinausmusste: seis nur selbst die Seerunde angehend, oder Chris und Freunden beim Start beiwohnen und anfeuern.

„Hmpf“, meine Begeisterung ob des Klimas kannte keine Grenzen. Hinein in einen dicken Pulli und ab zum Frühstück, schließlich wollte man dann doch auch nicht zu spät essen. Wenn auch geübt und nicht echt empfindlich was die Kombi aus Essen und Laufen angeht, mein Begleiter forderte ausreichend Zeit ein. Sehr gut nachvollziehbar für jemanden wie mich, die beim Laufen nur an Essen zu denken braucht und ihr wird übel.

Doch, was sollte ich bloss essen? Eigentlich bedurfte es keiner großen Grübeleien mehr: schon am Vortag hatte ich mir überlegt, was denn wohl am gescheitesten für den 23,2 Kilometer langen Lauf wäre.

Ja, richtig gelesen: ich habe mich dazu entschlossen, auch zu starten. Und zwar so richtig würdevoll. „Mir is kalt, es regnet, ich muss pipi, ich hab hunger, mir is schleeeeeecht, ich bin nervör, muss ich wirklich? Mir is schleeecht und es is kalt. Regnets noch? Bin ich schon fertig?“ – nur ein kleiner Auszug dessen, was sich Chris von mir anhören musste. Ja, in der Tat, ich war absolut überzeugt, dass es richtig sei zu starten! Öhm…

Okay, hinter dieser nervositätsgetriebenen Logorrhoe – die der Liebe nebst seiner eigenen Prä-Lauf-Nervosität nahezu stoisch ertrug – hatte sich wirklich schon am Vortag die beruhigende und Erleichterung schaffende Sicherheit gebildet, dass es sich richtig und stimmig anfühlt, bei dem Lauf zu starten, auf den ich mich seit Jänner gefreut hatte.

Ihr habt es ja selbst mitbekommen, wie angespannt ich war und wie viel Unsicherheit bei mir mitschwang die letzte Zeit, seit ich vor über einem Monat Probleme mit meiner Tibialis posterior Sehne am Fuß bekommen hab. Die tat die letzten Wochen nicht mehr weh, ich spürte sie nur belastungsabhängig. Deshalb und weil es ein hervorragend organisierter Lauf sein sollte, wo Aussteigen im Notfall auch möglich ist, UND, weil ich einfach „musste“, hab ich mich bewusst zum Start entschieden. Achja, und stur bin ich gar nicht. Überhaupt nicht. Nie und nimmer.

Chris hat mich in meiner Entscheidung bekräftigt und noch zusätzlich ermutigt. Zum ersten Mal war mir bei einem Lauf nur wichtig „Durchkommen“ – zu viel Trainingszeit ging durch meine Tendinitis verloren, aber Durchkommen wärs. Und wenn ich das Maximum an 4 Stunden ausreizen muss! Meine Traumzeit von 2:30 Stunden wollte ich mir für das kommende Jahr mal in Evidenz halten…. Das und noch vieles mehr, rumpelte durch meinen Kopf, während ich mein prä-Lauf-Honigsemmerl mampfte. Was anderes, nebst Kaffee und Wasser, hätt ich mir nur gegönnt, wenn ich einen Rückzieher gemacht hätte.

Zuerst einmal die „hard facts“, für Leute, die mein Lamentieren und Bangen der letzten Wochen nicht mitbekommen haben:

Der Hauptlauf des Achenseelaufs findet jedes Jahr am ersten Septemberwochenende statt, soweit ich weiß und führt von Pertisau über Achenkirch, über die Gaisalm, wieder zurück nach Pertisau. Man läuft die 23,2 Kilometer lange Strecke rund um den See, wovon die ersten 14 Kilometer flache Asphaltstraße am Ufer sind. Die restlichen 9 Kilometer sind aber der eigentliche Kern des Pudels: teils unbefestigter und anspruchsvoller Trail, mit >150 Höhenmeter, die sich auf nur wenige Kilometer zusammensammeln und einen endgültig auslutschen.
Der Start findet sonntags um 10:00 Uhr statt.
Und ich hab mich seit meinem Geburtstag im Jänner darauf gefreut und daraufhingebibbert.

So, ja, nun hatte mein Laufpartner den See schon drei Mal zuvor umrundet und kannte die Umgebung, die Strecke, etc. schon, meinte aber, dass es so kalt bis dato noch nicht gewesen sei. Nun verhielt sich das Wetter wirklich alles andere als gastfreundlich, weshalb wir erst etwa 20 Minuten vor dem Start das Hotel verließen, um nicht im kühlen Regen zu stehen. Ich hatte zum Glück ein Schirmkäppi, meine Laufweste, eine dreiviertellange Tights und ein Langarmshirt mit. Gegen Regen half mir das alles nicht echt, aber zumindest gegen den knabbernden Wind.

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Ich hielt mich vornehm sehr, sehr weit hinten, und wackelte mit 2 Minuten Verzögerung durch den Start, drückte Knöpfchen bei meiner Uhr und zog meinen Ärmel drüber – ich verbot mir, auch nur einen Blick darauf zu werfen, um mir selbst Stress und Druck zu ersparen. Und das tat es wirklich.

Ich wackelte so vor mich hin, der See immer zu meiner Linken, umringt von anderen, die es wohl auch gemütlicher angehen wollten. Ich hörte sehr intensiv in meinen rechten Fuß, um ja nichts zu verpassen. Bis Kilometer 5 wollte ich wirklich darauf achten, bis Kilometer 10 notgedrungen abbrechen, wenn irgendwas in Richtung „Schmerz“ gehen sollte, und ab KM 14, so dachte ich mir, durchbeissen. Nja…so dacht ichs mir.

Der tolle See und die prächtige Umgebung wurde einfach von Wolken verhüllt, die auf keinerlei Besserung der Himmelsinkontinenz deuten ließen. Nur kamen auf den Streckenabschnitten, die anfangs ohne Bäume oder sonstigen Schutz lagen, noch eisigste Windböen dazu, die die letzte Wärme auffrassen, die der Regen noch übergelassen hatte. „Perfektes Laufwetter!“ dachte ich mir und freute mich wie ein kleines Kind zu Weihnachten, dass ich gerade laufen durfte und KONNTE. Ich spürte nichts, bis kaum etwas. Ein Schrittchen nach dem anderen bereitete mir immense Freude, und auch das Wetter – ich bin doch ein Herbst-Winter-Kind, das bei warmem Wetter eher sportlich eingeht… (Die kalte Witterung hatte zudem den Vorteil, dass man nicht merkt, wenn die Oberschenkel wehtun oder nicht mehr können, weil sie einfach einfrieren 😉 )

So haben meine Beinchen Kilometer um Kilometer auf dem Asphalt abgestrudelt, bewusst, aber nicht willentlich haben sie ihr Tempo gefunden. Und wenn ich mein Tempo finde, dann kanns bergab oder bergauf gehen, ich behalt genau diese Geschwindigkeit, ob ich will, oder nicht, bis ich nicht im Ziel bin – oder auf richtig steile Passagen treffe, natürlich. Und so kams, dass ich Bewerber um Bewerber schluckte, ohne dass ich das eigentlich beabsichtigte, und ohne dass ich auch nur den geringsten Schimmer hatte, wie schnell oder langsam ich da am Ostufer herumgurkte. Nur einmal, bei Kilometer 11 hörte ich eine Mitläuferin zu ihrem Lauf-Buddy sagen, dass jetzt etwa eine Stunde und drei Minuten vergangen seien. Das konnte ich nicht echt glauben, da das eine Pace von unter 6 andeuten würde – nie im Leben schaff ich sowas, vor allem, ohne mich auch nur im Geringsten angestrengt zu fühlen!

Also, Augen auf und Ohren zu, und weiter!

Die beleidigte Sehne murrte etwas, ab Kilometer 10, aber verstummte baldigst wieder, sodass ich schon überzeugt war, dass ich durchkomme. Ich traute mich nur noch nicht, das „offen“ zu denken. In der Zwischenzeit pfiff wiedermal ein Eiswürfelproduzierender Wind um die Ohren und machte sich daran, meine nassen Finger ein bisschen zu konservieren. Ich konnte mir in Achenkirch, bei der Labestation nach der Staffelübergabestelle bei Kilometer 14 denken, wie sich wohl ein Legomännchen fühlt, wenn es einen Becher nehmen will… bei 5 Grad schmeckt sogar Iso eigentlich ganz fein…

Ich hatte es geschafft – die erste und längere Etappe am Asphalt war vorbei. Jetzt kam „nur“ noch der 9 Kilometer lange Teil. Trail. Matsch. Steine. Wurzeln. Treppen. Hintereinandergehen/-laufen hieß es, Überholen ist kaum möglich, und erst wieder auf den letzten drei Kilometern nicht psychotherapie-würdig, sprich, leichtsinnig.

Los geht’s!

Als der Weg von Asphalt auf einen Kiesweg wechselte, merkte ich, dass meine Beine schwer wurden. Super Timing, Leute! Nicht nur das, mein Gewand war fast komplett durchnässt, meine Finger waren abwechselnd weiß und blassrosa, und… ich bekam einen Mordshunger! So viel zu „ beim Laufen nur an Essen zu denken braucht und ihr wird übel“… Ich hatte ein Gel in meiner Tasche, das ich aber nicht nehmen wollte. Ja, ne, ich bin nicht stur! Und schon gar ned unvernünftig!

Also blieb ich dabei, in meinem Kopf Bilder von der heißen, dampfenden Hoteldusche und Bilder von dem 4-gängigen Halbpensionsmenü rotieren zu lassen. 9 Kilometer – jetzt konnts nicht mehr als eineinhalb Stunden dauern, dann ists vorbei…

Aber was war das? Kaum wurde das Gelände unwegsamer, profilierter, gatschiger und schwieriger, schaltete mein Kopf die Verbindung zu meinen Haxen ab und das Laufen wurde wieder viel leichter, beschwingter und machte so viel Spass wie noch nie! Wie gesagt, Streckenweise konnte man auf dem Steig nur gehen, und auch nur wenig überholen – wenn sich jemand dazu entschied, zum Beispiel andere vorzulassen und stehenblieb. So überholte ich noch gut eine Hand voll Leute, ohne Drängeln, oder so. Kameradschaftlichkeit und Vernunft is sehr wichtig bei der Veranstaltung, um die Sicherheit zu gewährleisten. Wenns da ein paar Zentimeter neben deinem Fuß einige Meter felsig hinunter direkt in den See geht, weisst du, was ich mein…

Ich merkte kaum, bei welcher Distanz ich mich befand, ich galloppelte einfach vor mich hin, stapfte in Matschlacken, flatschte in Bacherl (trockene Socken kannte ich ohnehin seit dem 7ten Kilometer nicht mehr) und kraxelte Oberschenkelhohe Treppen hinauf. Es regnete, pfiff und ich fror, aber nur etappenweise. Es war mir nämlich größtenteils einfach wurscht, so weg war ich und auf den Weg konzentriert. Nur die Nase lief schneller.

Lange währte dieser Zustand leider nicht… die letzten drei Kilometer wurden wieder wegsamer und genau dann waren meine Spenckel leer. So leer waren sie noch nie zuvor. Auch wenn ich ein paar Meter vorher noch schwungvoll ein Hügerl hinaufgelaufen bin – es ward flach und ich ward leer und immer langsamer. Ich wollte die letzten drei Kilometer noch schnell hinter mich bringen; ich mein, was sind denn bitte 3!! Kilometer? Genau: eine Kleinigkeit. Haha, höhö, hihi…nope. Sch**sse, waren die vielleicht lange! Ich wurde von drei oder vier Läufern überholt, bis ich wieder nach Pertisau und auf den nächsten Asphaltteil, kam. Nur noch wenige hundert Meter trennten mich vorm erlösenden Ziel! Eine Läuferin vor mir wurde wortreich von einem absolut begeisterten Bekannten auf den letzten Kurven begleitet, der ihr versicherte, sie laufe eine „g’scheit geile Zeit“, die er aber ned verraten wollte. Ich wollte mich meinerseits an sie anhängen, aber ich konnte nicht mehr schneller… eine Kurve, zweite Kurve und nur noch einmal herum, ich sah das Ziel! -Hui, ein Gehsteig war noch nie so hoch – und… Bis jetzt hab ich noch bei JEDEM Lauf einen Sprint zusammengebracht. Ne, meine Beine zeigten mir beide den Mittelfinger – aber ließen mich über die Pentekmatte hopsen.

Geistestgegenwärtig – oder so ähnlich – drückte ich meine Uhr und vermied es, herumzusabbern, während man mir die Finisher-medaille umhängte. Hoff ich zumindest.

Dann fiel mein Blick auf einen sehr erstaunt dreinblickenden Chris, der beim Zielausgang stand. Ich torkelte auf ihn zu, versuchte diese glitzernde Wärmedecke irgendwie loszuwerden und mich zu bücken, damit ich den Chip von meinem Schuh losbekomme. Haha, nope, das zweite Mal, das mir meine Beine die Mittelfinger zeigten: Bücken und Knien spielte es nicht. Aber noch weniger ließen sich meine Lego-Finger abbiegen, so steif und klamm waren sie. So trug ich es – mittlerweile vermutlich sabbernd – meinem Freund auf.

Schuh entchipped, ich die Aludecke erfolglos von mir strampelnd, ja, nun eindeutig sabbernd, wankte ich an Chris‘ Hand ins Versorgungszelt, wo ich mir selbst heißen Tee in die Hand klemmte, ein Riesenstück Mohnstrudel in den Mund stopfte und nun geistesabwesend RedBull hinunterleerte. Ich wusste meine Zeit noch immer nicht. Als wir dann aus dem Zeltchen heraußen waren, deutete Chris auf die Uhr, die 2:42h anzeigte und eröffnete mir, dass ich nach 2:40 Stunden ins Ziel gekommen war. Und auch, dass er so verdutzt dreingeblickt hatte, da er mit jedem gerechnet hätte, aber noch lange nicht mit mir!

Oh Mann… das musste erst sickern… 2 Stunden und 40 Minuten! Das war eine Zeit, die ich mir mit meinem derzeitigen Zustand NIE und NIMMER zu erträumen gewagt hätte! Wow… für mich persönlich war das phänomenal. Obwohl frisch geduscht, wohlriechend und sauber umarmte mich Monsieur und sagte mir noch immer irgendwie überrascht, wie stolz er doch sei, dass ich angetreten bin, es geschafft hab und noch dazu weit unter drei Stunden angekommen bin.

Meine kalten Finger waren nciht mehr in der Lage, ein gutes Bild zu machen. Das war für alles meine Standardhand- und -fingerhaltung. Bewegen war Fehlanzeige
Meine kalten Finger waren nicht mehr in der Lage, ein gutes Bild zu machen. Das war für alles meine Standardhand- und -fingerhaltung. Bewegen war Fehlanzeige
Mhmmm...welch ein Aroma :D
Mhmmm…welch ein Aroma 😀

So richtig hab ichs auch bei der heißen Dusche, die unser ganzes Zimmer in ein Dampfbad verwandelt hat, noch nicht überrissen. Und so richtig überzuckern..ja, jetzt beim Schreiben. 🙂

Was war ich froh, dass kein Buffet am Abend, beim Essen war, sondern, dass serviert wurde 😉

Pfff... so ein Wetter gabs natürlich erst am Abreisetag... :)
Pfff… so ein Wetter gabs natürlich erst am Abreisetag… 🙂

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P.S.: Christoph kam totaaaaal lahmarschig in 1:53h rund um den See 😛

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10 Gedanken zu “Das Honigsemmerl am Achensee: to be or not to be?

  1. Juchhhhuuuu du hast es geschafft! Ich hab die Daumen gedrückt und freue mich sehr für dich. Klasse wirklich. 23,2 km bei Wind und Wetter in 2:40 wow. Gratuliere dir zu deinem Erfolg, Grüßle Chrissi

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